In der Wasserwirtschaft verschiebt sich der Blick: weg von einzelnen Messpunkten und GIS-Karten hin...
Klimaresilienz-Index Wasser 2026: Warum Stabilität allein nicht reicht

Die öffentliche Trinkwasserversorgung in Deutschland funktioniert. Auch in einem Sommer, der von Niedrigwasser, trockenen Böden, Waldbränden und regionalen Einschränkungen bei der Wassernutzung geprägt ist, bleibt die Versorgung insgesamt stabil. Das ist eine starke Leistung der Wasserversorgungsunternehmen und Ergebnis jahrzehntelanger Investitionen, technischer Standards, betrieblicher Erfahrung und verantwortungsvoller Ressourcenbewirtschaftung.
Der Klimaresilienz-Index Wasser 2026 des DVGW zeigt aber auch: Die Stabilität im laufenden Betrieb darf nicht mit Entwarnung verwechselt werden. Mit 48 von 100 Punkten liegt der Gesamtindex leicht unter dem Vorjahreswert von 49 Punkten. Die Resilienz der deutschen Wasserversorgung wird damit weiterhin im mittleren Bereich eingeordnet. Das bedeutet nicht, dass die Versorgung aktuell akut gefährdet ist. Es zeigt aber deutlich, dass die Wasserversorgungsunternehmen mit einem wachsenden Anpassungsdruck rechnen.
Der Index macht sichtbar, was viele Versorger im Alltag längst spüren. Klimaanpassung ist keine Zusatzaufgabe mehr, die neben dem Tagesgeschäft läuft, sondern wird zunehmend Teil des Tagesgeschäfts selbst. Ein Versorgungssystem kann heute robust funktionieren und dennoch vor strukturellen Herausforderungen stehen, wenn Spitzenlasten zunehmen, Wasserressourcen stärker beansprucht werden, Investitionen wachsen, Genehmigungen lange dauern oder Fachkräfte knapper werden. Und sie betrifft nicht nur technische Anlagen, sondern auch Ressourcenmanagement, Investitionsplanung, Personal, Genehmigungsprozesse und Datenflüsse.
Was der Klimaresilienz-Index misst
Der Klimaresilienz-Index Wasser wurde 2026 zum zweiten Mal erhoben. Befragt wurden 227 Führungskräfte deutscher Trinkwasserversorgungsunternehmen. Die Auswertung basiert auf 50 Indikatoren in fünf Themenfeldern: Robustheit, Anpassungsgrad, Handlungsfähigkeit, rechtlicher Rahmen und Zukunftsperspektive. Die Ergebnisse wurden nach Wasserabgabe gewichtet, um die Struktur der deutschen Wasserversorgung realitätsnah abzubilden.
Diese Methodik ist wichtig, weil Klimaresilienz nicht an einer einzelnen Kennzahl festgemacht werden kann. Ein Versorger kann heute operativ stabil sein und trotzdem vor hohen künftigen Anpassungsbedarfen stehen. Umgekehrt kann ein Unternehmen bereits stark in Monitoring, Infrastruktur oder Verbundlösungen investieren, aber durch langwierige Verfahren oder fehlende personelle Ressourcen in der Umsetzung gebremst werden.
Der Index unterscheidet deshalb zwischen aktueller Belastbarkeit, bereits erreichten Anpassungen, struktureller Handlungsfähigkeit, regulatorischen Rahmenbedingungen und der erwarteten Entwicklung. Genau diese Breite macht ihn für die wasserwirtschaftliche Diskussion relevant.
Die Versorgung ist stabil – aber die Reserven werden stärker beansprucht
Auf den ersten Blick wirken die Ergebnisse beruhigend: Die Themenfelder Robustheit und Anpassungsgrad liegen mit 59 beziehungsweise 53 Punkten weiterhin über dem Skalenmittelpunkt. Wasserversorgungsunternehmen sehen sich also grundsätzlich in der Lage, heutige Belastungen zu bewältigen.
Schaut man genauer hin, wird die Lage differenzierter. Besonders kritisch werden steigende Spitzenlasten beim Wasserbedarf bewertet. Auch der wachsende Investitionsbedarf und die Auslastung gesicherter Wasserressourcen in Bezug auf verfügbare Tagesmengen gehören zu den zentralen Vulnerabilitätstreibern. Das zeigt: Die Herausforderung liegt nicht nur in der Jahresbilanz, sondern zunehmend in zeitlichen Extremen.
Für die Praxis ist das entscheidend. Ein Versorgungsgebiet kann über das Jahr betrachtet ausreichend Wasserressourcen haben und trotzdem in heißen, trockenen Phasen an operative Grenzen geraten. Dann entscheidet sich Resilienz nicht an der Durchschnittsmenge, sondern an der Frage, ob Wasser zur richtigen Zeit, in ausreichender Qualität und mit ausreichenden technischen Reserven bereitgestellt werden kann. Genau hier wird sichtbar, warum Wassermengen- und Engpassmanagement künftig weiter an Bedeutung gewinnt.
Anpassung heißt nicht nur Neubau
Beim Anpassungsgrad zeigt der Index ebenfalls ein gemischtes Bild. Mit 53 Punkten liegt der Wert noch im mittleren Bereich, hat sich aber gegenüber 2025 leicht verschlechtert. Besonders größere Wasserversorgungsunternehmen bewerten ihren Anpassungsgrad kritischer als im Vorjahr. Bei Unternehmen mit hoher Wasserabgabe ist der Teilindex Anpassungsgrad deutlich gesunken.
Das ist nachvollziehbar. Größere Versorger haben häufig komplexere Versorgungsräume, umfangreichere Infrastrukturen, höhere Spitzenlastrelevanz und größere Investitionsprogramme. Sie sind nicht automatisch weniger resilient. Aber sie sehen oft sehr genau, welche Anpassungen notwendig werden, damit die Versorgung auch unter veränderten Klimabedingungen stabil bleibt.
Auffällig ist, dass der Handlungsbedarf vor allem bei bestehenden Systemen gesehen wird: Modernisierung und Erweiterung von Wasserwerken, bedarfsgerechte Anpassung von Kapazitäten, Ertüchtigung von Netzkapazitäten, zusätzliche Redundanzen, Speicher- und Behältervolumen sowie Monitoring der künftig erwartbaren Änderungen bei Rohwassermengen und Rohwasserbeschaffenheit.
Klimaresilienz entsteht also nicht nur durch neue Anlagen. Oft geht es darum, vorhandene Infrastrukturen robuster, flexibler und besser steuerbar zu machen. Bestehende Wasserwerke müssen flexibler betrieben werden können. Netze brauchen Reserven für Belastungssituationen. Speicher müssen so eingebunden sein, dass sie Spitzen abfedern. Und Verbundsysteme können helfen, regionale Unterschiede auszugleichen, sofern Planung, Ressourcen, Genehmigungen und Betrieb zusammenspielen.
Gerade hier wird wieder deutlich, dass Investitionsentscheidungen eine solide Datenbasis brauchen. Wer Wasserwerke, Speicher, Netze oder Verbundsysteme erweitern will, muss wissen, welche Entwicklung wahrscheinlich ist, welche Unsicherheit bleibt und welche Maßnahme unter verschiedenen Szenarien tragfähig ist.
Handlungsfähigkeit hängt zunehmend an Personal und Prozessen
Der Teilindex Handlungsfähigkeit liegt 2026 unverändert bei 43 Punkten und damit unterhalb des Skalenmittelpunkts. Die Wasserversorgungsunternehmen sehen sich grundsätzlich handlungsfähig, benennen aber klare Grenzen bei den internen Ressourcen.
Besonders deutlich wird das beim Personal. Die Verfügbarkeit personeller Ressourcen wird im Bericht als zentrale Herausforderung beschrieben und sogar etwas kritischer eingeschätzt als finanzielle Ressourcen. Das ist fachlich bedeutsam, weil Klimaanpassung oft über Infrastruktur gesprochen wird: Brunnen, Speicher, Leitungen, Aufbereitung, Verbundsysteme. Diese Maßnahmen sind notwendig, aber sie planen, genehmigen, bauen und betreiben sich nicht selbst.
Es braucht Menschen, die Daten interpretieren, Risiken bewerten, Maßnahmen priorisieren, Fördermittel einordnen, Verfahren begleiten, Anlagen betreiben und Erfahrungswissen in Entscheidungen übersetzen. Der Fachkräftemangel wird damit zu einem strukturellen Risiko. Wenn personelle Ressourcen fehlen, verzögert sich nicht nur der Betrieb, auch Anpassungsmaßnahmen, Monitoring, Planung und Kooperationen werden schwieriger. Gleichzeitig steigt der Bedarf an genau diesen Aufgaben.
Der Rechtsrahmen bleibt ein Bremsfaktor
Der kritischste Teilindex ist 2026 der rechtliche Rahmen mit 40 Punkten. Zwar hat sich dieser Wert gegenüber 2025 leicht verbessert, trotzdem bleibt er deutlich unter dem Skalenmittelpunkt. Besonders langwierige Genehmigungs- und Beteiligungsverfahren sowie fehlende integrierte Planung und Koordination werden als hemmend wahrgenommen.
Das passt zu den offenen Antworten der Unternehmen. Bürokratie und Verwaltungsaufwand werden von 15,9 Prozent der Befragten als eine der größten Herausforderungen genannt. Als Stellschraube zur Verbesserung der Anpassungsfähigkeit wird Bürokratieabbau mit 16,3 Prozent nach Infrastrukturinvestitionen und finanzieller Förderung am dritthäufigsten genannt.
Für die Wasserwirtschaft ist das mehr als ein Verwaltungsthema. Klimaanpassung braucht schließlich Vorlauf. Wer zusätzliche Gewinnungskapazitäten, Speicher, Verbundsysteme oder Aufbereitungsanlagen schaffen will, bewegt sich in komplexen Genehmigungsräumen. Wenn Verfahren zu lange dauern, entsteht eine Lücke zwischen erkanntem Anpassungsbedarf und tatsächlicher Umsetzung.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass Zusammenarbeit und Versorgungskonzepte positiver bewertet werden als andere Aspekte des rechtlichen Rahmens. Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt: Klimaresilienz lässt sich nicht allein im einzelnen Unternehmen herstellen. Sie braucht regionale Abstimmung, gemeinsame Planungsgrundlagen und ein Verständnis dafür, wie Wasserdargebot, Nachfrage, Infrastruktur und Schutzinteressen zusammenhängen.
Die größten Herausforderungen liegen im Wasserdargebot, in der Infrastruktur und bei Spitzenbedarfen
Die offenen Antworten im DVGW-Bericht machen die Prioritäten der Versorger sehr klar. Am häufigsten genannt werden der Rückgang des Wasserdargebots mit 20,3 Prozent, der Infrastrukturausbau mit 17,2 Prozent und Spitzenbedarfe ebenfalls mit 17,2 Prozent. Danach folgen Bürokratie und Verwaltungsaufwand, Finanzbedarf und fehlende Fördermittel sowie die Sicherung von Wasserrechten.
Als wichtigste Stellschrauben nennen die Unternehmen Infrastrukturinvestitionen, finanzielle Förderung, Bürokratieabbau, den Schutz von Wasserressourcen und den Aufbau von Verbundsystemen. Auch Sensibilisierung der Bevölkerung und Fachkräftegewinnung spielen eine Rolle. Die Branche weiß also sehr genau, wo der Handlungsbedarf liegt.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Maßnahmen rechtzeitig, finanziert, genehmigt und koordiniert umzusetzen. Denn dafür braucht es belastbare Entscheidungsgrundlagen. Wo ist der Investitionsbedarf am dringendsten? Welche Ressource ist besonders sensibel? Wo entsteht künftig ein Engpass? Welche Maßnahme wirkt nur lokal, welche stärkt das Gesamtsystem? Welche Risiken entstehen, wenn mehrere Belastungen gleichzeitig auftreten?
Ohne verknüpfte Daten werden solche Fragen schnell zu Einzelfallentscheidungen
Warum Daten zum verbindenden Element werden
Der Klimaresilienz-Index zeigt an vielen Stellen, dass Daten nicht nur Begleitmaterial sind, sondern zur Grundlage der Anpassung werden. Und, dass sie nicht getrennt voneinander betrachtet werden können: Spitzenlasten hängen mit Wetter, Verbrauchsverhalten, Netzkapazitäten und Speichern zusammen. Investitionsbedarf hängt mit Infrastrukturzustand, Rohwasserverfügbarkeit, Aufbereitungserfordernissen und rechtlichen Verfahren zusammen. Fachkräftemangel wirkt auf Betrieb, Monitoring, Planung und Umsetzung. Und der rechtliche Rahmen beeinflusst, wie schnell notwendige Maßnahmen realisiert werden können.
Wer Klimaresilienz stärken will, muss Entwicklungen nicht nur rückblickend erklären, sondern vorausschauend bewerten können. Dafür reichen isolierte Messwerte nicht aus. Für eine klimaresiliente Wasserversorgung müssen unterschiedliche Datentypen zusammengeführt werden: hydrologische Daten, Betriebsdaten, Infrastrukturdaten, Qualitätsdaten, Verbrauchsdaten, Flächendaten, Klimadaten, Genehmigungsdaten und Erfahrungswissen aus dem Betrieb. Erst im Zusammenspiel entsteht ein Bild davon, wie widerstandsfähig ein Versorgungssystem tatsächlich ist.
Genau hier liegt eine der größten praktischen Hürden. Die erforderlichen Informationen existieren vielerorts bereits, aber sie liegen verteilt: in Leitsystemen, GIS-Anwendungen, Labor- und Monitoringdaten, Genehmigungsunterlagen, Betriebsberichten, Tabellen, Gutachten oder bei unterschiedlichen Behörden und Akteuren. Solange diese Daten getrennt bleiben, bleibt auch die Bewertung fragmentiert.
Für einzelne Aufgaben kann das funktionieren. Für Klimaresilienz reicht es nicht mehr aus.
Klimaresilienz ist mehr als eine technische Betriebsfrage
Der DVGW-Bericht kommt zu einem wichtigen Fazit: Klimaresilienz in der Trinkwasserversorgung wird künftig weniger als reine technische Betriebsfrage zu verstehen sein, sondern stärker als integrierte Investitions-, Ressourcen-, Personal- und Governance-Aufgabe.
Diese Einordnung ist wichtig, weil sie den Blick weitet. Die Wasserversorgung bleibt nicht allein dadurch resilient, dass einzelne Systeme heute zuverlässig funktionieren. Sie bleibt resilient, wenn Wasserressourcen geschützt, Infrastrukturen weiterentwickelt, Fachkräfte gesichert, Verfahren beschleunigt, regionale Zusammenarbeit gestärkt und Daten besser genutzt werden.
Der Klimaresilienz-Index Wasser 2026 ist deshalb mehr als eine Branchenkennzahl. Er zeigt, wo die öffentliche Wasserversorgung heute stabil ist und wo Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit sie es auch unter verschärften Klimabedingungen bleibt.
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