Fünf Herausforderungen auf dem Weg zur resilienten Wasserwirtschaft

Wasserwirtschaft war nie eine einfache Aufgabe. Städte, Gemeinden, Wasserverbände und Versorger sichern seit Jahrzehnten Trinkwasserqualität, Verfügbarkeit, Entsorgung, Netzinstandhaltung und Gewässerschutz. Meist geschieht das leise im Hintergrund – und wird für die Öffentlichkeit vor allem dann sichtbar, wenn etwas nicht funktioniert: eine Leitung bricht, ein Keller vollläuft, ein Brunnen weniger fördert als erwartet oder ein Starkregenereignis ganze Straßenzüge überfordert. Neu ist deshalb nicht, dass Wasserwirtschaft anspruchsvoll ist. Neu ist die Gleichzeitigkeit der Herausforderungen.
Trockenperioden und Starkregen, alternde Netze, steigende Bau- und Energiekosten, wachsende Anforderungen an Gewässerschutz, Klimaanpassung und Resilienz sowie knappe personelle Ressourcen treffen vielerorts gleichzeitig aufeinander. Das Branchenbild der deutschen Wasserwirtschaft 2025 beschreibt diese Entwicklung deutlich: Die öffentliche Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sind Teil der Daseinsvorsorge und der kritischen Infrastrukturen in Deutschland. Gleichzeitig steht die Branche vor Herausforderungen, die Umdenkprozesse und Anpassungen erfordern – unter anderem durch Klimawandel, Energiewende, demografische Entwicklungen, rechtliche Anforderungen und einen sich verschärfenden Fachkräftemangel.
Damit verschiebt sich der Blick: Nicht die einzelne Messstelle, das einzelne Fachverfahren oder der einzelne Bericht entscheidet über Handlungsfähigkeit. Entscheidend wird, ob aus vielen verteilten Informationen ein belastbares Lagebild entsteht.
1. Wasserverfügbarkeit wird regionaler, schwankender und konfliktanfälliger
Eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre klingt zunächst widersprüchlich: Kommunen müssen gleichzeitig mit Wasserknappheit und mit großen Niederschlagsmengen umgehen. Nach längeren Trockenphasen können Grundwasserstände sinken, Quellschüttungen zurückgehen und Spitzenverbräuche steigen. Wenige Wochen später kann Starkregen Kanalisation, Gewässer, Straßenräume und versiegelte Flächen überlasten.
Für wasserwirtschaftliche Entscheidungen reicht deshalb die Frage „Wie viel Wasser steht grundsätzlich zur Verfügung?“ nicht mehr aus. Wichtiger wird: Wo befindet sich Wasser? Wann wird es gebraucht? Wie schnell verändert sich die Situation? Welche Nutzungen greifen gleichzeitig auf dieselbe Ressource zu? Und welche Räume reagieren besonders empfindlich?
Dafür genügt kein einzelner Datensatz. Niederschlagsdaten müssen mit Bodenfeuchte, Grundwasserständen, Pegeln, Entnahmen, Verbrauchsdaten, Flächennutzung und Informationen zur Versiegelung zusammengedacht werden. Erst dann lässt sich besser einordnen, ob ein sinkender Grundwasserstand saisonal erklärbar ist, mit erhöhten Entnahmen zusammenhängt oder auf eine längerfristige Entwicklung hinweist. Gleichzeitig lassen sich Gebiete identifizieren, in denen Niederschlag besonders schnell abfließt oder Versiegelung die Versickerung erschwert. Für Kommunen ist das vor allem für die Planung relevant: Wo braucht es zusätzliche Rückhalteflächen? Welche Entnahmegebiete sind besonders sensibel? Wo kann Entsiegelung Wirkung entfalten? Und welche Infrastruktur muss auf häufigere Extremereignisse vorbereitet werden? Daten ersetzen hier keine wasserwirtschaftliche Bewertung. Sie machen aber Entwicklungen sichtbar, bevor aus ihnen ein akutes Problem wird.
Das Umweltbundesamt hat 2025 neue Daten zur Grundwasserneubildung und zum Grundwassergewinnungsindex veröffentlicht. Der fachliche Gedanke dahinter ist für die Praxis zentral: Wasserentnahmen lassen sich erst dann belastbar bewerten, wenn sie mit der erneuerbaren Grundwasserressource ins Verhältnis gesetzt werden. Auf diese Weise können Regionen sichtbar werden, in denen sich Wasserverfügbarkeit, Nutzungsdruck und klimatische Veränderungen kritisch überlagern.
Genau hier beginnt moderne wasserwirtschaftliche Datenarbeit: nicht bei mehr Sensorik um der Sensorik willen, sondern bei der Frage, welche vorhandenen Informationen zusammengeführt werden müssen, um regionale Risiken früher und fairer bewerten zu können.
2. Infrastrukturentscheidungen wirken über Jahrzehnte
Wasserinfrastruktur wird nicht für wenige Jahre geplant, sondern gilt als generationenübergreifende Infrastruktur. Leitungen, Kanäle, Speicher, Brunnen, Pumpwerke, Aufbereitungsanlagen oder Rückhalteräume haben Nutzungsdauern von mehreren Jahrzehnten, teils deutlich darüber hinaus. Gleichzeitig verändern sich die Rahmenbedingungen schneller als früher. Klimawandel, veränderte Nutzungsmuster, neue gesetzliche Anforderungen, steigende Baukosten und Fachkräftemangel erhöhen den Druck, Investitionen sehr gezielt zu priorisieren. Die Netze der Wasserver- und Abwasserentsorgung in Deutschland umfassen zusammen mehr als 1,1 Millionen Kilometer. Jährlich investiert die Wasserwirtschaft mehr als 10 Milliarden Euro in ihre Infrastrukturen. Dennoch bleibt die zentrale Frage: Wo entfaltet ein eingesetzter Euro die größte Wirkung für Versorgungssicherheit, Resilienz und Substanzerhalt?
Dafür reicht das Baujahr einer Leitung allein nicht aus. Für die Sanierungs- und Investitionsplanung werden verknüpfte Informationen wichtiger: Material, Schadenshistorie, Bodenverhältnisse, Druckzonen, hydraulische Belastung, Verbrauchsentwicklung, Lage kritischer Einrichtungen und mögliche Folgen eines Ausfalls. Welche Leitungsabschnitte weisen eine auffällige Schadenshistorie auf? Welche Materialien bereiten unter bestimmten Bedingungen häufiger Probleme? Wo hätte ein Ausfall besonders große Folgen? Erst in der Kombination lässt sich unterscheiden, wo ein Risiko technisch, betrieblich und gesellschaftlich besonders relevant ist.
Auch im laufenden Betrieb können Daten helfen, Auffälligkeiten früher zu erkennen. Betriebsdaten wie Druck- und Durchflusswerte, Verbrauchsentwicklungen oder Störungsmeldungen liefern Hinweise darauf, ob sich in einem Netzbereich etwas verändert. Sie ersetzen keine fachliche Bewertung, können aber dabei unterstützen, genauer hinzusehen, bevor ein Problem größer wird. Der Nutzen liegt damit auf zwei Ebenen: strategisch bei Sanierungs- und Investitionsentscheidungen, operativ bei Betrieb, Früherkennung und Priorisierung. Gerade bei begrenzten Budgets und hoher Auslastung der Fachkräfte ist diese Unterscheidung entscheidend.
3. Die Wasserwirtschaft hat viele Daten – aber nicht immer ein gemeinsames Lagebild
In der Wasserwirtschaft wird seit Jahrzehnten gemessen, dokumentiert und ausgewertet. Deshalb wäre es falsch zu sagen, die Branche müsse erst datenbasiert werden. Viele Versorger, Kommunen und Wasserverbände arbeiten längst mit Messnetzen, Laborwerten, Betriebsdaten, hydraulischen Modellen, GIS-Daten, Genehmigungsunterlagen, Wartungsplänen und Fachwissen aus dem Betrieb. Das eigentliche Problem liegt häufig an den Übergängen.
Das GIS kennt Leitungsverläufe und Bauwerksdaten. Leitsysteme liefern Betriebsdaten. Pegel- und Niederschlagsdaten kommen aus anderen Fachverfahren oder von externen Stellen. Verbrauchsdaten liegen in Abrechnungssystemen. Informationen zu Flächennutzung, Versiegelung oder geplanten Baugebieten befinden sich wiederum in kommunalen Planungsprozessen. Dazu kommen Excel-Tabellen, PDF-Gutachten und Erfahrungswissen einzelner Mitarbeitender.
Solange eine Fachabteilung nur ihre eigene Frage beantworten muss, kann dieses Nebeneinander funktionieren. Schwieriger wird es, wenn Entscheidungen Informationen aus mehreren Bereichen benötigen: etwa bei der Frage, wo Starkregenvorsorge, Kanalsanierung, Entsiegelung, Flächenentwicklung und Trinkwasserinfrastruktur gemeinsam gedacht werden müssen. Dann beginnt oft die eigentliche Arbeit: Daten exportieren, Formate anpassen, Zeitstände vergleichen, Zuständigkeiten klären, Rückfragen stellen, Plausibilität prüfen. Diese Arbeit ist fachlich notwendig, bindet aber Ressourcen und erschwert regelmäßige, wiederholbare Analysen. Die Nationale Wasserstrategie benennt deshalb ausdrücklich das Ziel, Datenflüsse zu verbessern. Auch das Umweltbundesamt beschreibt Digitalisierung als Werkzeug für Monitoring, Datenmanagement, Modellierung, Planung und Entscheidungsunterstützung in der Wasserwirtschaft. Gleichzeitig weist es darauf hin, dass beim verwaltungsübergreifenden Datenmanagement und Datenaustausch weiterhin Harmonisierungs- und Standardisierungsbedarf besteht.
Die erste Digitalisierungsfrage lautet daher nicht automatisch: Wo brauchen wir zusätzliche Sensoren? Oft lautet sie: Welche Informationen haben wir bereits – und wie bekommen wir sie zuverlässig, nachvollziehbar und wiederverwendbar zusammen?
4. Fachkräftemangel macht dokumentiertes Wissen wertvoller
In vielen Betrieben spielt Erfahrungswissen einzelner Fachkräfte eine wichtige Rolle. Dazu gehören Besonderheiten im Netz, wiederkehrende Störungen, auffällige Messstellen, lokale Schwachpunkte bei Starkregen oder Erfahrungswerte aus früheren Maßnahmen. Dieses Wissen ist im Alltag enorm wertvoll, weil es hilft, Daten und Ereignisse richtig einzuordnen - es ist aber auch verletzlich. Wenn Mitarbeitende in den Ruhestand gehen, die Stelle wechseln oder längere Zeit ausfallen, kann Wissen verloren gehen, das über Jahre aufgebaut wurde. Gleichzeitig wird es aufgrund des Fachkräftemangels schwieriger, freiwerdende Stellen kurzfristig mit ähnlich erfahrenem Personal zu besetzen.
Daten können dieses Erfahrungswissen zwar nicht ersetzen, aber sie können helfen, es nachvollziehbarer zu dokumentieren und für andere nutzbar zu machen. Wenn Störungen, Messwertauffälligkeiten, Maßnahmen, Entscheidungen und Bewertungen systematisch festgehalten werden, entsteht mit der Zeit eine betriebliche Wissensbasis. Neue Mitarbeitende müssen Besonderheiten dann nicht ausschließlich durch persönliche Übergaben kennenlernen. Erfahrene Fachkräfte werden zugleich entlastet, wenn Informationen nicht aus mehreren Systemen zusammengesucht werden müssen.
Das Ziel ist nicht, Fachentscheidungen zu automatisieren. Im Gegenteil: Die fachliche Bewertung wird immer zentral bleiben. Aber die Zeit, die vorher für Datensuche und manuelle Zusammenführung draufging, kann stärker in Bewertung, Planung und Betrieb fließen. Gerade bei knappen personellen Ressourcen ist das ein messbarer Unterschied.
5. Nutzungskonflikte brauchen transparente Grundlagen
Wasser wird in Zukunft immer stärker zum Gegenstand konkurrierender Interessen werden. Öffentliche Versorgung, Landwirtschaft, Industrie, Energie, Stadtentwicklung, Ökologie und Erholung greifen auf dieselben Wasserressourcen oder Flächenfunktionen zu. In Trockenperioden treten diese Abhängigkeiten besonders deutlich hervor.
Das VKU-Branchenbild der deutschen Wasserwirtschaft 2025 zeigt: Nutzungskonflikte entstehen nicht nur dort, wo insgesamt zu wenig Wasser vorhanden ist. Sie entstehen auch durch zeitliche und regionale Spitzen. Der durchschnittliche Wassergebrauch der Bevölkerung ist zwar seit Jahrzehnten gesunken, gleichzeitig müssen Versorger ihre Infrastruktur aber weiterhin auf hohe Bedarfe in heißen und trockenen Phasen auslegen. Hinzu kommen regional steigende Wasserbedarfe, etwa durch Beregnung, Gewerbe oder Tierhaltung. Dadurch geraten nicht nur Grundwasservorkommen, sondern auch Talsperren und Oberflächengewässer stärker in den Blick.
Für die öffentliche Wasserversorgung ist dabei zentral: Sauberes Trinkwasser und funktionierende Abwasserentsorgung sind Lebensgrundlage und Standortfaktor. Der Vorrang der öffentlichen Wasserversorgung ist rechtlich abgesichert. In Knappheits- oder Hitzephasen können Nutzungen dennoch lokal beschränkt werden.
Aber: Dafür braucht es nachvollziehbare Datengrundlagen.
Es muss erkennbar sein, welche Entnahmen stattfinden, wie sich Grundwasserneubildung entwickelt, welche Nutzungen in Konkurrenz stehen, welche Ökosysteme abhängig sind und welche Maßnahmen welche Wirkung entfalten können. Ohne diese Transparenz wird aus Wasserbewirtschaftung schnell eine Verteilungsdebatte ohne gemeinsame Faktenbasis. Regionale und überregionale Wassernutzungskonzepte sollten dazu beitragen, Interessen auszugleichen und Wasserressourcen nachhaltiger zu bewirtschaften. Und faire Entscheidungen brauchen nun mal faire Daten als Grundlage. Das ist keine rein technische Frage, sondern eine Voraussetzung für Vertrauen zwischen Kommunen, Versorgern, Wirtschaft, Landwirtschaft, Behörden und Bevölkerung.
Vom Datensilo zum wasserwirtschaftlichen Datenraum
Die beschriebenen Herausforderungen haben einen gemeinsamen Nenner: Sie lassen sich nicht mehr isoliert bewerten. Wasserverfügbarkeit, Starkregenvorsorge, Infrastrukturzustand, Flächennutzung, Verbrauch, Entnahmen und ökologische Anforderungen hängen fachlich zusammen. Die dafür relevanten Daten entstehen jedoch häufig in unterschiedlichen Systemen, Organisationen und Zuständigkeiten.
Ein wasserwirtschaftlicher Datenraum kann diese Lücke schließen. Er ist keine weitere Datenablage und ersetzt keine bestehenden Fachsysteme. Er schafft vielmehr eine verbindende Struktur, in der Daten kontrolliert, nachvollziehbar und zweckgebunden zusammengeführt werden können. So kann aus verteilten Einzelinformationen ein gemeinsames Lagebild entstehen: etwa zur Entwicklung von Grundwasserständen, zu Starkregenrisiken, zu sensiblen Entnahmegebieten, zu kritischen Infrastrukturabschnitten oder zu konkurrierenden Nutzungen. Auf dieser Grundlage lassen sich Szenarien vergleichen, Maßnahmen priorisieren und Entscheidungen nachvollziehbarer begründen.
Dafür braucht es mehr als technische Schnittstellen. Ein Datenraum muss auch klären, wer welche Daten verantwortet, wie aktuell sie sind, welche Qualität sie haben, unter welchen Bedingungen sie genutzt werden dürfen und wie Begriffe einheitlich verstanden werden. Gerade in der Wasserwirtschaft ist das entscheidend, weil Messwerte ohne fachlichen Kontext leicht missverstanden werden können. Ein Pegelwert oder eine Verbrauchsspitze sagt allein noch wenig aus. Aussagekräftig wird er erst im Zusammenhang mit Niederschlag, Jahreszeit, Entnahmen, Flächennutzung, Geologie, Infrastruktur und lokalen Erfahrungswerten.
Damit ist ein wasserwirtschaftlicher Datenraum kein Allheilmittel. Er baut keine Leitung, ersetzt kein wasserrechtliches Verfahren und entscheidet auch nicht, welche Nutzung in einer Trockenphase Vorrang hat. Aber er schafft die Grundlage, auf der solche Entscheidungen fachlicher, transparenter und vorausschauender getroffen werden können.
Vom Reagieren zum vorausschauenden Handeln
Die Wasserwirtschaft wird auch künftig mit Unsicherheit umgehen müssen. Trockenperioden lassen sich nicht verhindern, Starkregenereignisse nicht wegplanen und alternde Infrastruktur nicht von heute auf morgen erneuern. Aber viele Herausforderungen lassen sich früher erkennen, besser einordnen und gezielter bearbeiten. Es geht dabei nicht nur um mehr Sensorik, nicht nur um neue Software und auch nicht nur um zusätzliche Infrastruktur. Es geht um die Fähigkeit, Wasserressourcen, Netze, Flächen und Nutzungen gemeinsam zu betrachten.
Das ist fachlich anspruchsvoll, weil der Wasserkreislauf nicht an Landes- oder Organisationsgrenzen haltmacht. Grundwasser reagiert auf Niederschlag, Entnahmen, Böden, Versiegelung und Geologie. Kanalnetze reagieren auf Starkregen, Siedlungsentwicklung und Flächennutzung. Versorgungssysteme müssen Durchschnittsverbräuche ebenso abbilden wie Spitzenlasten in Hitzeperioden. Investitionen müssen heutige Risiken mindern und gleichzeitig für Entwicklungen tragfähig sein, die erst in 20 oder 30 Jahren voll sichtbar werden.
Der Schritt vom Reagieren zum vorausschauenden Handeln beginnt deshalb dort, wo verteilte Informationen zu einem gemeinsamen Lagebild werden. Technologie ist dafür wichtig, aber sie ist nicht der Kern. Der Kern liegt in der Verbindung: zwischen Datenquellen, Fachbereichen, Zuständigkeiten und den Menschen, die jeden Tag Verantwortung für Wasser tragen.